Die ganze Klasse brüllte auf mich ein
An einer Mädchenschule in München führte ein im Unterricht gezeigter Film zu Geschrei und zerbrochenen Freundschaften. Jahre später erlebte Billie eine weitere Konfrontation an der Schule ihres jüngsten Sohnes – gefolgt von einem körperlichen Übergriff auf einem Schulbasar.
- NAME
- BILLIE
- TÄTIGKEIT
- DREIFACHE MUTTER
„SIE HABEN MIT DEN FÄUSTEN IHRE MEINUNG KUNDGETAN.“
DIE VOLLSTÄNDIGE
MITSCHRIFT LESEN
Mein Name ist Sibylle. Ich bin mein ganzes Leben lang Billie genannt worden. Ich bin in Deutschland aufgewachsen.
Ich bin natürlich in München aufgewachsen, eine echte Münchnerin. Ich bin in München in die Schule gegangen. Ich bin in eine Mädchenschule gegangen und in den evangelischen Religionsunterricht mit einem eigentlich ganz netten Religionslehrer, der eines Tages beschloss – also muss die siebte Klasse gewesen sein –, der beschloss uns einen Film zu zeigen. Und in diesem Film kamen irgendwelche totalen Horrorszenarios, schreiende Leute, die den Gang runter rannten, irgendwie vollkommen bescheuert, und irgendwie lief dies unter der Überschrift Scientology. Am Ende dieses Films hat der Lehrer mich nach vorne geholt und hat gesagt: „Also die Sibylle ist eine Scientologin oder die hat was mit der Scientology zu tun und die kann euch jetzt Fragen beantworten.“ Das Chaos kann man sich fast nicht vorstellen. Die ganze Klasse brüllte auf mich ein. Die sind teilweise aufgestanden. Sie haben mit den Fäusten ihre Meinung kundgetan. Sie haben also wirklich mit sehr viel Heftigkeit und sehr viel Hass reagiert. Das hat mich alle Freundschaften gekostet, oder fast alle. Und ich wurde nicht mehr zu Feiern eingeladen. Geburtstagsfeiern waren dann auch vorbei. Und das war schon ein einschneidendes Erlebnis, muss ich ehrlich sagen. Das war eine ganz hässliche, perfide Sache. Und dieses Ereignis hat mich geprägt. Das hat mich wirklich gestört.
Ich habe drei Kinder, drei Söhne, und mein jüngster Sohn ist also 2007 in die Schule gekommen. Und dann ist da ja am Anfang von der ersten Klasse immer diese Elternsprecherwahl. Die Elternbeirätin, die das vorher war, die war dann weg. Und dann kam eine neue stattdessen. Und an einem Nachmittag, wo ich mich mit ihr eigentlich treffen wollte – wo abends eine Sitzung sein sollte –, rief sie mich völlig aufgelöst an und hat gesagt, wegen meiner Mitgliedschaft in Scientology möchte sie mich da am Abend nicht sehen für den Elternbeirat. Wie dem auch sei ich hab mehrere Warnanrufe am Nachmittag bekommen von befreundeten Leuten, die gesagt haben: „Achtung, diese Angelika, die ist ganz schön aufgearbeitet und die wird sich auf jeden Fall gegen dich stellen und die wird hässliche Sachen sagen.“ Na gut, ich hab dann entschieden, ich nehme meinen Mann mit, oder vielmehr: Mein Mann wollte mich nicht alleine gehen lassen. Wir sind zusammen in das Schulhaus gegangen, das war der Zeitpunkt für diese Sitzung. Und man ist uns schon auf der Treppe begegnet und hat uns gesagt, wir sollen das Haus sofort verlassen, sonst holt man die Polizei. Wir standen noch ein bisschen im Schulhof, wir haben dann hochgeguckt und wir haben gesehen, dass die anderen oben gestanden sind und sich einen Sekt eingeschenkt haben und die haben sich so zugeprostet – dass sie also happy sind offensichtlich, dass sie diese ganz furchtbar schrecklichen Scientologen losgeworden sind. Wie dem auch sei, die Geschichte ging dann noch ein ganzes Stück weiter. Kurz danach war ein Basar. Jedenfalls bin ich in den Schulhof gegangen von diesem Basar. Und tatsächlich sind mehrere Eltern auf mich eingestürzt und haben versucht, mich abzudrängen, mich wieder rauszuschieben – die hingen in meinen Haaren. Also zumindest eine davon. Und das war eine Szene, die finde ich richtig, richtig heftig. Das war ein Moment, wo ich mich gefragt habe, wo ich eigentlich bin und was hier eigentlich los ist, weil das ist dann doch ein Stück zu absurd.
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